Ein PCIe-Signal verlässt ein PCB, durchläuft einen Connector und eine Kabelverbindung, gelangt auf ein zweites PCB – und drei Monate später fällt das Produkt beim EMC-Test durch.
Das Layout jedes einzelnen Boards sah korrekt aus. Signal Lengths waren abgestimmt, Constraints wurden eingehalten und die Manufacturing Files waren fehlerfrei. Trotzdem funktionierte das Produkt nicht.
Für moderne Elektronikentwicklung wird dieses Szenario zunehmend relevant, denn die heutigen Engineering-Herausforderungen enden nur selten am Rand eines einzelnen PCBs.
Produkte bestehen heute aus miteinander verbundenen elektronischen Systemen: mehreren Boards, High-Speed Interfaces, komplexen Packaging-Strukturen, Power Delivery Networks, Sensoren, Embedded Processors und immer anspruchsvolleren mechanischen Randbedingungen. Viele PCB Development Workflows behandeln einzelne Boards jedoch weiterhin als weitgehend isolierte Designaufgaben.
Diese Lücke kann zu Verzögerungen bei der System Integration, unerwarteten Redesigns, EMC-Problemen und steigenden Entwicklungskosten führen.
Produkte sind zu Systemen geworden
Moderne elektronische Produkte basieren längst nicht mehr ausschließlich auf einem einzelnen PCB. Automotive-Systeme, Industrieanlagen, Robotikplattformen, Aerospace Electronics, Medizintechnik und anspruchsvolle Consumer-Produkte enthalten häufig mehrere miteinander verbundene Boards, die gleichzeitig als Teil eines Gesamtsystems arbeiten.
Ein einziges Produkt kann Processor Boards, Power Distribution Boards, Communication Modules, Sensor Interfaces, RF-Bereiche, Flex Circuits, Backplanes und Embedded Controller umfassen. All diese Komponenten beeinflussen sich gegenseitig – elektrisch, mechanisch und thermisch.
Ein High-Speed Signal Path kann mehrere Boards und Connectoren durchlaufen, bevor das Signal sein Ziel erreicht. Ein Power Integrity Problem kann durch das Zusammenspiel verschiedener Subsysteme entstehen und nicht durch ein einzelnes PCB. Ein EMC-Problem wird möglicherweise erst sichtbar, nachdem das vollständige Gehäuse montiert wurde.
Die entscheidende Engineering-Frage lautet deshalb nicht mehr nur:
„Funktioniert dieses Board?“
Sondern:
„Funktioniert das gesamte elektronische System zuverlässig im Zusammenspiel?“
Die Grenzen von Board-by-Board Workflows
Viele PCB Development Workflows wurden rund um die Entwicklung einzelner Boards aufgebaut. Schematic Capture, Layout, Verification und die Vorbereitung der Manufacturing Data erfolgen häufig separat für jedes PCB.
Bei weniger komplexen Produkten funktionierte dieser Ansatz gut. Mit zunehmender Systemkomplexität entstehen jedoch Probleme, die sich innerhalb isolierter Board-Level Workflows nur schwer erkennen lassen.
Interfaces wie PCIe, DDR, Ethernet, USB und SerDes verlaufen häufig über Connectoren und mehrere PCBs hinweg. Engineers können Trace Lengths und Routing Constraints auf einem einzelnen Board erfolgreich verifizieren und trotzdem Signal Degradation feststellen, sobald das vollständige System zusammengebaut wird.

Verification früher in den Entwicklungsprozess verlagern
In der Vergangenheit wurden viele Probleme erst während Prototyping, System Integration oder Physical Testing erkannt. Mit zunehmender Produktkomplexität wird die Behebung von Problemen in diesen späten Entwicklungsphasen jedoch deutlich aufwendiger und kostspieliger.
Ein einzelner EMC-Fehler, ein Signal Integrity Problem oder ein Konflikt mit dem Gehäuse kann Redesign-Zyklen, zusätzliche Prototypen, verzögerte Validation und längere Entwicklungszeiten verursachen.
Deshalb verlagern viele Engineering-Teams ihre Verification zunehmend in frühere Phasen der Entwicklung.
Das Ziel ist nicht einfach ein schnelleres PCB Layout. Entscheidend ist, Engineering-Risiken früher im Product Lifecycle zu erkennen und zu reduzieren.
Diese Entwicklung verändert auch die Anforderungen an moderne PCB Development Environments. Über viele Jahre konzentrierten sich Diskussionen über PCB Software stark auf Routing-Produktivität, Bedienkomfort oder den Vergleich einzelner Features.
Diese Fähigkeiten bleiben wichtig. Für die Entwicklung komplexer elektronischer Produkte reichen sie jedoch nicht mehr aus.
Engineering-Teams benötigen zunehmend Workflows, die Multi-Board Development ermöglichen und gleichzeitig Einblick in die Wechselwirkungen zwischen Boards, Signalen, Power und mechanischen Constraints geben. Integrated Verification, eine bessere Zusammenarbeit zwischen Electrical und Mechanical Engineering sowie die frühzeitige Identifikation von Risiken werden damit zu entscheidenden Bestandteilen des Entwicklungsprozesses.
Die Diskussion verschiebt sich zunehmend weg von der Frage:
„Welches PCB Tool bietet die meisten Features?“
hin zu:
„Welche Engineering-Umgebung hilft uns, zuverlässigere elektronische Systeme zu entwickeln?“
Die Zukunft moderner PCB-Entwicklung
PCB Design entwickelt sich über das Layout einzelner Boards hinaus. Je schneller, dichter und stärker vernetzt elektronische Produkte werden, desto wichtiger wird es für Engineering-Teams, bereits in frühen Entwicklungsphasen auf System-Level zu denken.
Die entscheidenden Herausforderungen moderner Elektronikentwicklung – Signal Integrity, Power Integrity, EMC und Mechanical Integration – beschränken sich nur selten auf ein einzelnes Board.
Unternehmen, die diese Wechselwirkungen früher erkennen und bewerten können, schaffen damit wichtige Voraussetzungen für kürzere Entwicklungszeiten, höhere Produktzuverlässigkeit und effizientere Engineering-Prozesse.
Denn moderne Elektronik besteht nicht mehr nur aus einzelnen Boards. Sie besteht aus vollständig vernetzten Systemen, die zuverlässig als Ganzes funktionieren müssen.
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