Industry 4.0 vs. digitale Transformation: Wie Japan über Effizienz hinausgeht

Executives’ Perspectives on Digital Transformation #3
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Artikel 3 unserer Reihe „Executives’ Perspectives on Digital Transformation” von Yasuo Ueno, Senior Managing Executive Officer und Leiter der Geschäftsstrategie bei Zuken Inc.

In Japan ist die digitale Transformation (DX) zu einer der zentralen Initiativen im Fertigungssektor geworden, getragen von einem strategischen Rahmenwerk des Ministeriums für Wirtschaft, Handel und Industrie (METI). Diese Entwicklung wirft eine grundlegende Frage auf: Welche Orientierung kann Japans DX-Strategie europäischen Herstellern bieten, die vor ähnlichen Herausforderungen stehen?

In der globalen Industrie sehen sich Unternehmen mit wachsendem Druck konfrontiert:
Sind wir in einer Komplexitätslücke gefangen, überwältigt von steigenden Systemverflechtungen und Unsicherheit? Oder können wir lernen, Komplexität stattdessen als strategischen Vorteil zu nutzen?

Das Konzept der dynamischen Kompetenz– die Fähigkeit, Veränderungen zu erkennen, Chancen zu nutzen und sich in volatileren Umgebungen zu transformieren – bietet eine mögliche Antwort. Aber wie können Hersteller dynamische Fähigkeiten praktisch umsetzen? Und welche Technologien, Prozesse und organisatorischen Veränderungen sind wirklich erforderlich?

Richtung von METI: Von Effizienz zu dynamischer Kompetenz

Um diese Fragen zu beantworten, schauen wir uns zunächst einmal an, in welche Richtung uns das METI in dieser Hinsicht führt. Das  2020 METI Whitepaper markierte einen bedeutenden Wandel in der digitalen Technologie. Zum ersten Mal wurde DX nicht nur als IT-Initiative betrachtet, sondern als wesentlicher Weg zur Stärkung der dynamischen Fähigkeiten der japanischen Fertigungsindustrie.

METI erklärt:

“Digitale Technologien besitzen ein großes Potenzial, nicht nur die gewöhnlichen Fähigkeiten der Fertigungsindustrie zu verbessern, sondern auch ihre dynamischen Fähigkeiten zu stärken. Dennoch betrachten viele japanische Fertigungsunternehmen IT-Investitionen in erster Linie als Mittel zur Steigerung der Geschäftseffizienz, zur Kostensenkung sowie zur Aktualisierung und Wartung bestehender Kernsysteme. Daher kann kaum gesagt werden, dass sie digitale Technologien vollständig nutzen, um ihre dynamischen Fähigkeiten auszubauen.

Wenn es ihnen jedoch gelingt, ihre dynamischen Kompetenzen mithilfe digitaler Technologien zu stärken, wird es möglich sein, ihre Wettbewerbsfähigkeit auch in einer Welt hoher Unsicherheit aufrechtzuerhalten – und in manchen Fällen sogar weiter auszubauen. Deshalb ist die Stärkung dynamischer Fähigkeiten durch die umfassende Nutzung digitaler Technologien die Strategie, die japanische Fertigungsunternehmen in einer Welt großer Unsicherheit verfolgen sollten.”

Diese Fähigkeiten sind mit den im vorherigen Artikel angesprochenen Punkten vergleichbar. Unternehmen haben sich möglicherweise eher auf konkrete, kurzfristige Initiativen wie die Steigerung ihrer Prozesseffizienz und Preiswettbewerbsfähigkeit konzentriert als auf scheinbar vage transformative Fähigkeiten.

Diese Kritik gilt nicht nur für Japan. Auch viele europäische Hersteller bevorzugen nach wie vor schrittweise Verbesserungen gegenüber strategischen Neuerungen und konzentrieren sich eher auf kurzfristige Gewinne als auf den Aufbau systemischer Kompetenzen.

Wenn Industrie 4.0 von Unternehmen verlangt, ihre Geschäftsmodelle zu transformieren, ohne zu zeigen, wie das funktioniert, ist es nicht verwunderlich, dass japanische Hersteller die Umsetzung als schwierig empfinden.

Digital Transformation in Japan

In Japan ist der Begriff „Digital Transformation“ deutlich populärer als „Industrie 4.0“. Dennoch bleibt seine Bedeutung oft abstrakt und viele Anbieter propagieren ihre eigenen Interpretationen. Da der Begriff so weitläufig und uneinheitlich verwendet wird, besteht die Gefahr, dass DX zu einem bloßen Schlagwort wird und die ursprüngliche strategische Absicht aus dem Blickfeld gerät.

Um dieser Unklarheit entgegenzuwirken, hat das METI einen strukturierten, dreistufigen Rahmen in Form konkreterer Leitlinien eingeführt.Dieser Ansatz bietet Unternehmen einen klareren und besser umsetzbaren Weg zu sinnvollen Veränderungen.

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The chart links METI’s three DX steps to organizational and dynamic capabilities; the examples of each IT (CAD/PLM/MBSE) are the author’s interpretations to show practical implications.

Bislang konnten japanische Hersteller die zunehmende Komplexität und die Notwendigkeit von Agilität durch menschliches Fachwissen in Verbindung mit intensivem manuellem Aufwand bewältigen. Dieser Ansatz stößt jedoch an seine Grenzen. Der Umfang, die Interdisziplinarität und die Geschwindigkeit der modernen Produktentwicklung machen es unmöglich, sich ausschließlich auf individuelle Erfahrungen oder fragmentierte Dokumentationen zu verlassen. Genau hier muss nun die IT einspringen – nicht nur, um Aufgaben zu automatisieren, sondern auch, um die Innovationsfähigkeit der Branche zu unterstützen und zu verbessern.

Aus diesem Grund stimme ich Thomas Gessners Gedanken zum modellzentrierten Ansatz zu, die er in unserem vorherigen Artikel dieser Reihe dargelegt hat. Mit dokumentbasierten Methoden können Ingenieurunternehmen weder Unsicherheiten bewältigen noch Komplexität effektiv handhaben. Um genaue, zeitnahe und qualitativ hochwertige Entscheidungen zu treffen, benötigen sie integrierte, dynamische Modelle, die das tatsächliche Verhalten und die Struktur ihrer Systeme widerspiegeln. Für die Fertigung ist Model-Based Systems Engineering (MBSE) die einzige Methode, die diese Grundlage bieten kann. MBSE ist der wesentliche Wegbereiter – ja sogar der Kern – jeder sinnvollen digitalen Transformation.

Im nächsten Teil werde ich näher darauf eingehen, wie MBSE als zentrale Säule von DX implementiert werden kann. Thomas und ich würden uns über eure Meinung zu diesen Erkenntnissen sowie eure Einschätzung zur voraussichtlichen Richtung der europäischen Hersteller freuen. Hinterlasst uns eure Meinung in den Kommentaren unten.

Yasuo Ueno
Yasuo Ueno
Senior Managing Executive Officer

Yasuo Ueno is the Senior Managing Executive Officer and in charge of Business Strategies at Zuken, Inc. He joined Zuken in 1985 in sales, and in 1995, he established PLM business. Today, his main responsibility is to establish Zuken’s significant DX business based on CAD/PLM and MBSE.
He is also a member in the research group of Digital MONOZUKURI run by Prof. Fujimoto.

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